Abenteuer Mongolei… oder die Knochenfressertour

Sonntag, 07. Mai 2017;

Vorwort
Geplante Mongolei Tour Juni 2017…

Nachdem die Mongoleitour 2015 nicht ganz so verlief wie geplant, aber bei mir rückwirkend trotzdem nur positive Eindrücke hinterlassen hat war für mich klar dass ich da wieder hin will. Wer die ganze, überaus spannende Geschichte zur Knochenbrechertour von 2015 lesen sollte sich unbedingt den Reisebericht auf Wolf’s Seite reinziehen. Das weite, freie Land und die netten Leute sowie die Geschichte und Kultur des Landes haben mich zutiefst beeindruckt. Mittlerweile ist auch Andrea offroadtechnisch soweit dass wir uns eine solche Reise problemlos zutrauen, wenn auch in etwas gemässigterem Tempo als 2015. Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist der Weg…

Am 2. Juni, just an Andreas Geburtstag, geht es von Zürich (Schweiz) über Istanbul (Türkei) weiter nach Bischkek (Kirgisistan) und von dort aus nach Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei. Dort werden wir von unserem Guide und lieb gewonnenen mongolischen Freund Jagaa von Probike Mongolia in Empfang genommen und ins Oasis gebracht wo wir die ersten beiden Nächte verbringen werden. Mit Probike Mongolia haben wir uns den selben zuverlässigen Partner für unseren 21tägigen Aufenthalt in der Mongolei ausgesucht welcher uns schon 2015 einwandfrei um- und versorgt hat. Wir freuen uns extrem auf diese alles andere als gewöhnliche Reise und werden mit Sicherheit mit einem Rucksack gefüllt mit schönen Erlebnissen heimkehren.


 

Die Reise
(Text Andrea „Tigergirl“, Fotos Pascal „Tigertrail“ und Jagaa „Schönchen“)

05.06.2017; Tag 1 – Start in Ulaanbaatar

Heute geht unsere Rundreise durch die Mongolei los. Nachdem wir am Tag zuvor alles vorbereitet und gecheckt haben sollten auch die Betas startklar sein. Die eine zickt noch rum, natürlich die Meine. Kein Problem für unsere beiden Begleiter, den Fahrer und Mechaniker Dugerdorj sowie unseren Guide, Koch und Freund Jagaa von Probike Mongolia. Nach ein paar Minuten ist die Beta wieder fit und wir können los. Wir nehmen vom Oasis aus eine Ausfallstrasse und fahren um die Stadt herum um mir den gröbsten Verkehrsschock zu ersparen. Das Bike hat keine Blinker und keinen Seitenspiegel und Werner hat mir den Rat gegeben nur ja nie nach hinten oder auf die Seite zu schauen, denn das sei ein Zeichen von Schwäche und hier werde um jeden Zentimeter Stasse gekämpft. Also versuche ich stur und gradlinig beim Fourgon (Begleitfahrzeug) zu bleiben und unbeirrt meinen Platz zu verteidigen. Pascal gibt mir Rückendeckung. Unterwegs stellt mein Bike zweimal unvermittelt ab. Bald schon geht es offroad und ich bin wieder um alle bisherigen Erfahrungen froh. Scheinbar mühelos scheine ich mein erworbenes Offroadwissen abrufen zu können und bin ganz locker. Zuerst vorsichtig, wenig später schon etwas mutiger und wir kommen gut voran. Stündlich gibt’s Pausen und in einem kleinen Dorf essen wir zu Mittag. Leckere mit Fleisch gefüllte Teigtaschen… Buuz ein landestypisches Gericht. Kurz darauf zickt mein Bike wieder rum. Ohne mit der Wimper zu zucken zupft unser Mechaniker die Benzinleitung ab, saugt an, spuckt aus und dockt mit zufriedenem Grinsen wieder an. Diagnose: Leitung verstopft. Tatsächlich ist danach Ruhe.


Schon am frühen Nachmittag erreichen wir unseren ersten Lagerplatz, eine versteckte Senke am Rande eines Birkenwäldchens. Flugs stellen wir unsere Zelte auf und geniessen eine Zwischenmahlzeit. Später erklimmen wir noch die umliegenden Hügel um die Aussicht zu bestaunen und den Kopter in die Luft zu schicken. Fantastische Weitsicht über den Hügelketten in allen möglichen Grüntönen. Dazwischen überall Schafherden, Kühe und Pferde und natürlich der berühmte blaue Himmel. Dieser zeigt sich jedoch plötzlich nicht mehr ganz so freundlich… dunkle Wolken ziehen auf und ein frischer Wind weht uns um die Nasen. Die Temperatur fällt merklich, wir frösteln arg und blasen zum Rückzug. Unten angekommen ziehen wir rasch alle verfügbaren Kleider an, aber uns will nicht mehr warm werden. Jagaa kocht uns literweise Grüntee und das Abendessen welches wir alle vier im Fourgon einnehmen, man hälts draussen nicht mehr aus. Bald schon sind wir müde und verkriechen uns jeder für sich in sein Zelt. Was für eine Sch… Kälte. Pascal schnarcht schon bald drauf los während ich mit stark klopfendem Herzen hellwach liege… der Grüntee lässt grüssen. Ich friere und ziehe alle verbliebenen Kleider an. Meine Füsse wollen sich trotzdem nicht erwärmen. Schliesslich ziehe ich noch das Kissen in den Schlafsack und mache alle Luken dicht. So gegen drei Uhr morgens erwärmt sich mein Oberkörper und ich stopfe die Jacke in Richtung meiner Füsse welche aber trotzdem eiskalt bleiben. Zwei oder drei Stunden später falle ich trotzdem in einen unruhigen Schlaf.


06.06.2017; Tag 2 – Raus in den Regen

Früh am Morgen wecken mich Stimmen, die Herren beklagen sich ebenfalls über die saukalte Nacht. Keiner hat wohl so richtig geschlafen, auf dem Gras und auf den Motorrädern glitzert hübsch im Morgenlicht der Raureif. Ich weigere mich meinen Schlafsack zu verlassen bevor einer der Herren Feuer gemacht hat. Jaggaa erbarmt sich trotz inoffiziellem Feuerverbot wegen Trockenheit und gräbt eine sichere Grube für ein wärmendes Feuer. Pascal stakst mit kalten Gliedern durchs Lager und versucht sich in Jagaas Mongolenmantel zu wärmen. Jagaa zaubert uns heissen Kaffe und ein super Frühstück mit Allem was das Herz begehrt. Da Feuer und Essen in Sichtweite sind wage auch ich mich ins Freie. Nach dem Frühstück und Abwasch zeigt sich ein strahlender Himmel und warm eingepackt setzen wir unsere Reise fort. Das heutige Ziel ist ein Camp welches Ausgangspunkt sein soll für den morgigen Besuch des Klosters Amarbayarsgalant welches wiederum in der Nähe der Stadt Erdnet in den Bergen in 2000 Metern über Meer liegt. Das Kloster ist aus dem 17 Jahrhundert und wurde, weil es so versteckt liegt, nicht ganz zerstört wie viele andere Kloster. Heute gibt es etwas anspruchsvollere Pisten zu befahren, öfters mit Sand oder Staub belegt, was das Ganze immer wieder etwas rutschig macht. Dann und wann folgen auch wieder wahre Berg und Talfahrten welche unsere ganze Aufmerksamkeit verlangen, aber auf der anderen Seite sehr abwechslungsreich sind. Jagaa fragt bei Einheimischen immer wieder mal nach dem Weg, da er diese Route neu ins Programm aufgenommen hat. Dies vor allem deshalb weil ich mir gewünscht habe möglichst zu Beginn der Tour dort die Geister für eine gute Reise zu beschwören.

Mittagessen gibts mitten auf der Wiese… leckerer Thunfisch-Erbsen-Maissalat und heisse Nudelsuppe. Grüntee habe ich dieses Mal aus gutem Grund verweigert ;-). Am Nachmittag gehts munter weiter über wahre Ruckel- und Buckelpisten und auch das Ausweichen auf die Wiese hilft nicht um die Schläge auf den Allerwertesten etwas zu mindern. Am späteren Nachmittag sehen wir von Weitem ein Gewitter näher kommen und bald darauf prasseln die ersten fetten Regentropfen auf unsere Helme. Jagaa lässt unseren Fahrer anhalten und uns einsteigen. Auf die Sekunde genau geht es richtig los und ein Unwetter mit Blitz, Donner und starkem Regen entlädt sich über der weiten Fläche. Nach einer halbe Stunde werden die Tropfen weniger und der Regen hört irgendwann ganz auf. Die zuvor staubige Piste wird nun seifig und wir suchen des öfteren den Weg in die Wiese während der Fourgon um die Kurven driftet. Stetig steigt der Weg an und wird zwischendurch auch mal trockener. Nach einer sehr steilen Auffahrt und einer Rutschpartie auf der andere Seite hinunter haben wir das Gercamp nach ca 170 Kilometern erreicht. Stolz wie Anton dass wir auch heute alle heil ankommen klatschen wir ab. Jagaa scheucht das Camppersonal umher damit sie Holz holen für ein kuschliges Feuer in den Jurten und für heisses Wasser in der Dusche. Dieses Vergnügen bleibt mir allerdings verwehrt, weil ich nicht lange genug Geduld habe um zähneklappernd auch die andere Seite des Wasserhahns auszuprobieren. Auch egal, der äusserst spärliche Wasserstrahl der verkalkten Brause hätte mich eh nicht getroffen. Trotzdem sauber und mit einem herrlichen Gefühl ob des erfolgreich bewältigten Tages gehts später mit feinen Buuz (Teigtaschen) im Bauch in die schöne, warme Heia.

07.06.2017; Tag 3 – Schlechtes Karma… oder R.I.P. Tigerdrohne

Heute starten wir in Richtung Kloster Amarbayasgalant welches unser erstes Ziel auf der heutigen Etappe ist. Es ist nur eine kurze Wegstrecke von etwa acht Kilometern bis dahin, das Kloster liegt ziemlich abgelegen irgendwo im Nirgendwo. Wir besichtigen die wunderschön bemalten und reichverzierten Bauten, drehen eifrig an den Gebetsmühlen und dürfen sogar dem Gebet der Mönche zusehen und ihrem Gesang lauschen. Die Jüngsten sind wohl erst 9 oder 10 Jahre alt. Einige sind eifrig bei der Sache, andere kämpfen mit dem Schlaf was uns ein wenig schmunzeln lässt da es lustig aussieht wie ihr Kopf mit der Schwerkraft zu kämpfen hat. Nach der Besichtigung des Klosters beschliessen wir uns noch kurz zu stärken und Pascal lässt den Kopter steigen. Während Jagaa unsere Bikes mit Milch bespritzt um uns damit für eine gute Reise zu segnen springt Pascal plötzlich ganz aufgeregt auf und rennt Richtung Berge. Wir verstehen gar nicht was los ist, aber offenbar hat die Drohne das Signal verloren und er kann sie weder orten noch am Himmel sehen. Duger, unser Fahrer, meint sie noch zwischen zwei Hügeln gesehen zu haben. Ich renne Pascal hinterher um ihm diese Info zu überbringen. Eigentlich wollte er gerade zu der auf dem Hügel sitzenden grossen Buddhafigur gehen wo er sie zuletzt gesehen hat, geht dann aber in die von Duger beschriebene Richtung. Ich renne in meinen Motorradstiefeln und in Halbmontur den Berg hinauf bis ganz nach oben und quere dann über den Grat entlang drei weitere Hügel. Jaaga sucht derweil in die andere Richtung. Pascal kehrt zu Fuss zurück und zusammen mit Duger besteigen sie die beiden Betas und fahren mit den Motorrädern den Berg hoch.

Nach drei Stunden Suche in brütender Hitze geben wir auf. Nach einer Besprechung des ganzen Geschehens versuchen es Pascal und Duger nochmals per Bike, während Jagga und ich das Mittagessen zubereiten. Pascal kehrt bald zurück, aber Duger will nicht aufgeben. Nach etwa dreissig Minuten kehrt Duger mit von weitem ertönenden, triumphierenden Hupen zurück. Hat der wilde Kerl, der ohne jegliche Schutzkleidung fährt, die Drohne tatsächlich hinter dem Buddha gefunden. Drei Stunden haben wir vergeblich gesucht, Pascal hätte sie ohne die falschen Hinweise vermutlich schon nach zehn Minuten gefunden. Schlimmer noch, die Drohne ist arg zerstört, sprich absolut fluguntauglich. Duger versucht sofort die zerbrochenen Karbon Arme des Kopters zu schienen und den Akku mit Panzerklebeband zu tapen. Er schafft es sogar ihr ein leises Fiepen zu entlocken, aber an Fliegen und Filmen ist nicht zu denken. Pascal versucht es sportlich zu nehmen, aber die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Nach dem Mittagessen ziehen wir weiter Richtung Erdenet wo wir uns auf dem Markt noch warme Decken aus Kamelhaar und sonstige Kleinigkeiten besorgen wollen. Die Strecke ist recht abwechslungsreich und wir werden beide etwas lockerer. In der Stadt Erdenet angekommen machen wir unsere Besorgungen. Um 19 Uhr sind wir fertig und müssten uns nun eigentlich einen Zeltplatz suchen. Pascal hat aber darauf keine Lust mehr, denn in der Tat, bis wir angekommen wären und das Lager aufgebaut und gekocht hätten würde es ziemlich spät werden. So checken wir flugs im nächsten Hotel ein, welches sich ein paar Meter neben unserem Parkplatz befindet und geniessen eine warme Dusche sowie den Komfort eines grossen, modernen Hotelzimmers. Später gehen wir noch zum Essen in die Stadt mittels Taxi. Hier ist theoretisch jedes Auto ein Taxi, man hält einfach den Daumen raus und jemand hält an. Man lässt sich an den gewünschten Ort fahren und verhandelt den Preis. Nach einem lustigen Abend und einem guten Essen kehren wir müde ins Hotel zurück. In dieser Nacht schlafen wir wie die Bären… tief und fest. R.I.P. Tigerdrohne.

08.06.2017; Tag 4 – Tanz auf dem Vulkan

Gut erholt dank Übernachtung im Hotel räumen wir unsere Auslegeordnung zusammen. Das Frühstück wird uns aufs Zimmer serviert… bestehend aus einer Scheibe Vollkorntoast, einem Nooriblatt (Algenblatt für Sushi), darauf einer Scheibe Wurst und zuoberst ein Spiegelei. Sieht lustig aus und schmeckt nicht mal schlecht, reicht aber leider für verfressene Tiger nirgendwo hin. Dazu gibts Tee. Mag ich auch, aber ohne Kaffe werden wir nach der ruhigen Nacht einfach nicht wach. Also organisiert Jagaa flugs heisses Wasser und Nescafe. Dann sind wir endlich startklar. Unser heutiges Ziel ist ein Ger-Camp in der Nähe des Uran Togoo Vulkans. Der Weg führt durch eine voralpine Landschaft und über Wiesen voller blühender Blumen. Steil windet sich die Piste durch den Wald und bald sieht es aus wie bei uns im Jura. Jagaa, der diese Strecke zum ersten Mal ausprobieren will, muss immer wieder mal nach dem Weg fragen. Überhaupt ist es gar nicht einfach hier offroad einen Weg zu finden, da nirgends ein Weg angeschrieben ist oder eine Richtung angezeigt wird. Lediglich Karte, GPS und Nomaden fragen hilft zur Orientierung. Unser Weg endet vor einer kleinen, zwei Meter langen „Brücke“ aus über den Bach gelegten Baumstämmen. Dahinter ist ein kleines Moor zu sehen, aber keine Piste zu erkennen. Wir beraten wie es weiter gehen soll, denn unser Fahrer ist skeptisch ob die Stämme das Gewicht des Fourgons aushalten. Auch Jagga ist sich nicht sicher ob wir durch dieses Moor gelangen können oder lieber umkehren sollten. Pascal traut sich schliesslich kurz entschlossen mit dem Bike über das wacklige und löchrige Brücklein und durch das Moor um die andere Seite zu erkunden. Wenig später kehrt er zurück und berichtet dass hinter dem Moor die Piste weiter geht und das Moor gut zu bewältigen ist. Da nun eh Zeit fürs Mittagessen ist beschliessen wir zu kochen, während Duger eine ausgedehntere Erkundung machen will um zu sehen wohin der Weg führt. Bis wir gekocht haben bleibt er weg und kehrt schliesslich mit guten Nachrichten zurück. Er sei circa 10 Kilometer gefahren bis er Nomaden getroffen habe, welche bestätigten dass dies der richtige Weg sei. Zudem habe er geprüft ob der Weg auch für den Fourgon machbar sei.

Alles ok, nach dem Mittagessen wird einstimmig beschlossen dass wir diesen Weg weiter verfolgen. Gesagt getan, der Fourgon wird unbeladen und vorsichtig über das Brücklein gefahren und drüben wieder beladen. Das Moor ist mit etwas Schwung respektive genügend Gas leicht zu bewältigen und der restliche Weg zeigt sich zuerst sehr schmal, holperig und ist für alle nur langsam zu bewältigen. Dann plötzlich öffnet sich das Tal weit und wir kommen flott voran. Im Ger-Camp angekommen ist es brütend heiss und so beschliessen wir die geplante Wanderung auf den Vulkan auf den Abend zu verschieben. Also wird erst mal geduscht, Wäsche gewaschen und rund um die Jurte zum Trocknen gehängt. Alle Geräte, Akkus und Kameras werden aufgeladen und geputzt. Nach einem leckeren Abendessen im Ger-Restaurant machen wir uns auf zum Vulkan. Um nicht mit Motorradstiefeln und in Enduro Montur den Vulkan erklimmen zu müssen fahren wir alle mit dem Fourgon . Zum Glück darf ich die restliche Reise auf dem Motorrad sitzen ;-). Gut durchgeschüttelt kommen wir schliesslich am Vulkan an. Duger, unser Fahrer, weigert sich mit uns aufzusteigen und bald haben wir Verständnis dafür. Ein extrem steiles, schmales Weglein führt nach oben und zuoberst angekommen sind wir total fertig und ausser Atem. Der grandiose Ausblick jedoch entschädigt uns bei Weitem. Im wunderschönen Licht der untergehenden Sonne umrunden wir den Krater. In der Mitte des um den Krater führenden Weges angekommen wird das erste Golden Gobi geöffnet, angestossen und genussvoll getrunken. Nie hat ein Bier besser geschmeckt. Der Abstieg gestaltet sich noch mühsamer als der Aufstieg und ist aufgrund des losen Lavagesteins eine richtige Rutschpartie. Auf dem Heimweg können wir noch einen Grabhügel aus der Hunnenzeit besichtigen welcher leider geöffnet und geplündert wurde. Wie das Klima hier so spielt ist nach Sonnenuntergang sofort saukalt. So kehren wir rasch ins Camp zurück. Pascal hat in der Jurte den Holzofen eingefeuert und bald ist es im Schlafsack kuschlig warm. So kommt der Schlaf rasch und bereits nach ein paar Minuten fallen mir die Augen zu.

09.06.2017; Tag 5 – Aufdringliche Ziegen

Nach einer langen und erholsamen Nacht in der warmen Jurte gibt es ein reichhaltiges 5 Sterne Frühstück, bestehend aus einer grossen Schale Nudelsuppe, Omletts, Würstchen, Marmeladebroten, Keksen, Saft, Tee und Kaffe. Wir haben es aufgrund von uns etwas fehlenden Kohlenhydraten ein bisschen abgeändert und unsere tägliche Portion Müsli eingebaut welches wir ein paar Tage zuvor extra in einem Supermarkt in Ulaanbaatar gekauft haben. Die heutige Tour führt uns westlich über Erdenmandal in Richtung „Weisser See“, den Tsagaan Nuur. Anfänglich sind die Pisten schmal, holperig und sehr ermüdend zu fahren. Die vielen groben Steine in der Piste lassen kein flüssiges Fahren zu und neben der Piste zu fahren geht auch nicht viel besser denn auch dort liegen grobe Steine. Zudem gibt es immer wieder plötzlich auftauchende grosse Löcher wo die Erde eingesunken ist, unter anderem weil die verschiedenen Nagetiere die Erde stark unterhöhlen. Landschaftlich bleibt es aber dennoch wunderschön, auch wenn der Blick fest auf dem Weg ruhen muss. Immer wieder treffen wir auf wilde Pferde, Schafe, Ziegen, Kühe und können Gänse, Milane, Bussarde, Kraniche und eine Gruppe Geier beobachten. Langsam habe auch ich den Dreh raus und getraue mich mit flottem Tempo über holpriges Wellblech und sandige Strecken zu fahren und so kommen wir heute zügig voran. Wir finden mitten auf einer grossen Fläche unter Weiden einen schönen Zeltplatz der von kleineren Tümpelchen umgeben ist und so fast wie eine Insel inmitten der riesigen Weite wirkt. Duger, unser Fahrer, kocht uns ausnahmsweise lecker Abendessen in grossen Portionen welche wir hungrig und fast gierig verschlingen.

Beim Abendessen zieht, wie schon beim letzten Zeltplatz, ein starker und unangenehm kalter Wind auf und aus der Ferne kommt uns eine weisse Wand entgegen. Jagga befürchtet einen Sandsturm mit anschliessendem Regen. Letzteren haben wir im Verlauf des Tages immer wieder erfolgreich abgehängt. Also wird zügig aufgegessen und alles Material und Gepäck wieder in den Fourgon geladen. Auch wir ziehen uns in den Fourgon zurück. Kaum ist der Stum relativ schadlos an uns vorbei gezogen kommt das nächste „Unheil“ auf uns zu. Eine riesige Schaf und Ziegenherde hat uns und unser nett gelegenes Lager entdeckt und rückt uns neugierig auf den Pelz. Jagaas Versuch sie mit schweizerdeutschem „Hauet ab“ zu verjagen ist zu lustig und wir lachen Tränen im Fourgon während er den Ziegen und Schafen mit einem dürren Stöcklein laut rufend hinterher jagt. Seine Aktion bringt jedoch gar nichts, sie rücken kaum verjagt schon wieder nach… wie Geier welche darauf warten dass das Essen serviert wird. Schliesslich startet Pascal einen Versuch per Motorrad was etwas mehr Eindruck macht, jedoch auch nur für ein paar Minuten. Nach ein paar weiteren Versuchen gibt die Herde schliesslich auf und wir auch. Müde ziehen wir uns in die Zelte zurück. Dank der neu erworbenen Kamelhaardecken wird uns schnell warm. Zum Schlafen ist es noch etwas früh, so lese ich noch etwas. Pascal lädt die Geräte auf und speichert die Kameradaten auf die Festplatte. Ein paar Elstern machen draussen in den Bäumen ein riesen Spektakel. Als die Nacht hereinbricht fängt es an zu regnen, was sich im kuschlig-warmen Schlafsack sehr gemütlich anhört.

10.06.2017; Tag 6 – Eine lange und anstrengende Etappe

Wie am Vorabend ausgemacht rüstet Jagaa schon um halb sieben das Frühstück da heute eine lange Etappe von 200 Kilometern bevorsteht, davon circa 145 offroad. Der Morgen präsentiert sich zwar trocken, aber windig und ekelhaft kalt und es kostet einmal mehr viel Überwindung aus dem warmen Schlafsack zu kriechen. Alle stehen irgendwie fröstelnd herum und packen irgendwelche Sachen zusammen… Beschäftigungstherapie. Mit klammen Fingern Zelte abzubauen und Heringe aus der Erde zu ziehen ist äusserst mühsam. Schliesslich verklemmt sich auch noch der Reissverschluss meiner Motorradjacke und ich muss unseren Supermechaniker und Fahrer um Hilfe bitten. Das Wort „Problem“ versteht er schon ganz gut. Mit dem Korkenzieher schafft er es die Blockade zu lösen. Zwar bricht dabei das Teil zum Ziehen weg, aber egal… Hauptsache die Jacke lässt sich wieder öffnen und schliessen. Jagga packt mich zusätzlich in seinen langen Mongolenmantel und so lässt es sich mit einer Tasse heissem Kaffee in der Hand halbwegs aushalten. Schliesslich soll es losgehen und ich tausche den Mantel nur sehr ungerne gegen die Motorradklamotten. Pascal hat so kalte Finger dass er es deshalb und aufgrund des starken Windes kaum schafft seine Linsen einzulegen. Schliesslich sind wir startklar. Steif gefroren fällt lockeres Endurofahren schwer, ich spüre kaum meine Finger. Beim ersten Stop bei den nächsten Hirschsteinen (Grabdenkmäler aus der Hunnenzeit) mache ich den Hampelmann und renne herum um mich zu wärmen. Danach geht es etwas besser und ab und zu zeigt sich sogar ganz kurz die Sonne. Aber es bleibt sehr windig und kalt. Gegen Mittag treffen wir etwas früher als geplant um die restliche Strecke schneller zu bewältigen auf Asphalt, der Kälte wegen und auch weil es erneut nach Regen aussieht. Bei der ersten „Raststätte“ machen wir halt um das Mittagessen einzunehmen und um uns aufzuwärmen. Es wird eine Suppe aus Kartoffeln, Karotten und Lammfleisch serviert und dazu Brot gereicht. Zu Trinken gibt es Milchtee oder Kaffee. Das Lammfleisch schwimmt als fettige Stückchen und als Rippenstücke in der Suppe. Die grossen Stücke schmuggle ich elegant unserem Fahrer zu. Die kleinen, mageren Stücke ohne Fettbehang esse ich. Es schmeckt sehr würzig und die Suppe wärmt toll. Die Wirtin lässt uns noch vom selbst gemachten Hausgebäck kosten, ebenfalls lecker. Hinter der Theke liegt dick eingepackt und nach mongolischer Art eingewickelt ein kleines mongolisches Kind auf einer dünnen Matratze und schläft den Schlaf des Gerechten. Ein Anblick der unsere Herzen erwärmt.

So gestärkt wagen wir uns wieder in die Kälte. Bei Tempo 80 auf der asphaltierten Strasse wird es aber sofort unglaublich kalt und der Wind zieht durch einen hindurch so dass man das Gefühl hat man würde überhaupt keine Kleidung tragen. Die nun fallenden Regentropfen picken wie Nadeln im Gesicht und schaffen es immer wieder die wenigen offenen Stellen zwischen Brille und Helm zu treffen, so dass es einem wahrlich die Tränen in die Augen treibt. Nach circa einer Stunde verlangt Pascal einen Halt um die Kleidung anzupassen. Wir legen die Protektorenwesten ab und ziehen statt dessen unsere Mammut- sowie die Regenjacken unter die Motorradjacke. Für einen kurzen Moment wird es tatsächlich angenehmer, aber dann frieren wir weiter. Dieser Wind ist einfach zu arg. Schliesslich gibt es noch einen Tankstop in einem kleinen Dorf mit heissem Kaffe und Herumgerenne in der Hoffnung auf etwas Wärme. Pascal wird nun zusätzlich von Durchfall geplagt. Mit diesen Voraussetzungen machen wir uns auf die letzen 15 Kilometer Offroadstrecke. Diese hat sich gewaschen, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Mörderpiste mit tausend Löchern, sandig, ausgewaschen wie eine Achterbahn. Wir werden wie blöde herumgeschüttelt. Kein Vergnügen in guter Verfassung und schon gar nicht mit wundem Gedärm, Pascal muss noch weitere Boxenstops einlegen. Zum Schluss wartet noch ein sandiger , tief ausgewaschener, schmaler Weg den Hang hinauf mit heftiger Steigung. Der Fourgon hat arg zu kämpfen, wir warten ein paar Minuten und fahren dann todesmutig hinterher. Oben angekommen präsentiert sich aber eine fantastische Sicht auf den „Weissen See“. Einst ein Fluss wurde er durch die Lava bei einem Vulkanausbruch gestaut und so zum See. Am Ufer entlang liegen malerisch gelegene Jurtencamps, sogar bei dem üblen Wetter ein traumhafter Anblick. Unser Camp erweist sich als gehobener Standard. Sofort wird Feuer in der Jurte entfacht und heisses Teewasser gebracht. Pascal haut sich erschöpft in den Schlafsack und schläft sofort tief und fest. Ich geniesse die tolle Duschanlage und lasse mir die kalten Knochen unter dem heissen Wasser wärmen. Kaum zurück in der Jurte prasselt der Regen aufs Dach. Wir rühren uns noch kurz für das Abendessen und fallen dann müde und früh in die Betten.

11.06.2017; Tag 7 – Ruhetag

Heute ist ein motorradfreier Tag zum relaxen und Kräfte sammeln angesagt. Am Morgen dürfen wir lange ausschlafen, spät frühstücken und etwas rumhängen. Am Nachmittag ist der Besuch des Khorgo Vulkanes geplant, wir wollen mit dem Fourgon hinfahren und den Vulkan zu Fuss erkunden. Pascal wünscht sich heute nochmal im Camp zu übernachten weil sein Magen immer noch rebelliert. Auch nach dem Frühstück legt er sich gleich wieder ins Bett weil er sich schlapp fühlt. Ich erkunde die Umgebung und steige auf alle Hügel rund ums Camp um die fantastische Aussicht auf den Weissen See zu geniessen. Auch das Wetter bessert sich zusehends. Jagaa kocht uns ein tolles Mittagessen. Pascal beschliesst auch den Nachmittag ruhend zu verbringen da er sich zwar besser fühlt aber der Magen immer noch keine Ruhe gibt. So ziehe ich alleine mit Jagaa, unserem Guide und Duger, unserem Fahrer los. Duger fährt uns in die Nähe des Vulkans den wir zu Fuss besteigen. Der Khorgo Vulkan sieht ganz anders aus als der Uran Togoo, auch liegt viel mehr erstarrte Lava in der Umgebung herum. Der Krater ist von vielen scharfen Lavasteinen in rot, grau und schwarz umgeben. Den Krater zu umrunden gleicht mehr einer Kletterpartie als einem Spaziergang. Der Blick in die Umgebung bis hin zum See ist wunderschön. Nach dem Abstieg wandern Jagaa und ich bis zur Passhöhe zurück wo Duger auf uns wartet. Ich habe aber von dem wundervollen Ausblick auf den See noch nicht genug und will auch den Rest des Weges zum Camp zurück laufen. Es wird eine wunderschöne Wanderung dem Ufer entlang, inmitten einer tollen Umgebung und dem blauen Himmel über mir. Im Camp angekommen scheint auch Pascal langsam wieder zum Leben erwacht. Die Sonne scheint, alles gut. Jagaa bekocht uns wieder fürstlich und wir besprechen den nächsten Tag, ehe wir zufrieden in die Betten fallen.

12.06.2017; Tag 8 – Über Tsetserleg zu den heissen Quellen

Schon beim Aufwachen strahlt die Sonne zum Dachfenster der Jurte herein, der Himmel präsentiert sich blau und wolkenlos. Pascal fühlt sich ausgeruht und wieder fit. Die heutige Route führt uns zunächst die 15 Kilometer Offroad von vorgestern zurück auf die Asphaltstrasse. Dieser Strasse folgen wir circa 150 Kilometer. Beim Fahren auf Asphalt kann man etwas besser in die Umgebung schauen, muss jedoch immer mit einem Auge auf der Strasse bleiben. Der Umstand dass in grossen Teilen der Mongolei fast dreiviertel des Jahres Frost herrscht oder zumindest herrschen kann fordert seinen Tribut. Immer wieder tauchen unvermittelt grosse Löcher, Senken oder Buckel auf. Die Tiere laufen einem just wenn man auf ihrer Höhe ist über den Weg respektive überqueren immer im ungünstigsten Moment die Strasse. Die Betas haben anstelle von bequemen Gelsätteln eher harte Pritschen, auf denen der Allerwerteste schnell mal gefühlstaub wird und schon nach einer Stunde weiss man fast nicht mehr wie sitzen. Zum Glück muss ab und zu getankt oder gepinkelt werden, so dass auch wieder mal Gefühl in die hintere Region kommt. 35 Kilometer vor der Provinzhauptstadt Tsetserleg nehmen wir das Mittagessen ein. Es gibt feine Gemüsesuppe mit Fleisch und den obligaten kleinen Teigtaschen drin. Sehr lecker! Dazu wieder einmal die heiss ersehnten 3G (Handyempfang), so dass alle wie die Bekloppten in die Tasten hauen und posten was das Zeug hält. Kurz vor der Stadt gilt es nochmals einen geschotterten Pass zu überwinden und dann ist Tsetserleg erreicht. Jagaa und ich gehen zum Wocheneinkauf in den Supermarkt während Duger die Fahrzeuge hütet. Derweil muss sich Pascal gegen einen frechen kleinen mongolischen Rotzlöffel wehren der anfänglich sehr nett erscheint, dann aber immer aufdringlicher wird und um jeden Preis Geld erbetteln will. Das führt soweit dass der Junge fast handgreiflich wird worauf ihn Duger, unser Fahrer, in die Schranken weist. Wir geniessen noch ein kühles Eis bevor wir die restlichen 35 Kilometer Offroad Piste unter die Räder nehmen.

Am Himmel braut sich mal wieder ein Gewitter zusammen… genau in die Richtung in die wir fahren müssen. Der Wind scheint das Unwetter jedoch von uns wegzutreiben. Plötzlich dreht der Wind und es fängt an zu tropfen. Wir halten schnell an um die dicken Jacken anzuziehen. Sehr nass werden wir zum Glück nicht, wir scheinen gerade noch so am Rand der Gewitterzelle wegtauchen zu können. Kurz darauf ist das Camp erreicht. Um die heisse Quelle herum gibt es dicht gedrängt fünf Camps auf einem Platz. Aus dem ersehnten Schwefelbad wird jedoch nichts, nur gerade ein kleines Becken ist mit dem heissen Wasser gefüllt und darauf schwimmen tausend tote Fliegen. Die anderen Becken sind leer und es gibt zudem ein Problem mit der Kaltwasserleitung, so dass auch nur brühend heiss geduscht werden kann. Darum verschieben wir das Duschen lieber auf später. Nach einem leckeren Abendessen im Camp eigenen Restaurant gehen Jagaa und ich noch die heisse Quelle besichtigen welche sich nicht weit vom Camp entfernt befindet. Derweil bereitet Pascal unser Equipment für den nächsten Tag vor. Filme und Fotos müssen kopiert und diverse Akkus geladen werden. Der Weg führt durch ein Lärchenwäldchen und wieder gibt es wunderschöne Blumen zu bestaunen. Die Quelle selber ist nicht wirklich spektakulär, das Wasser rinnt einfach aus dem Boden und wird in einem unschönen Betonbecken gefasst weil das heisse Wasser genutzt wird. Allerdings kommt das Wasser tatsächlich mit ca 80 Grad aus dem Boden. An Füsse baden ist also nicht zu denken. Der Abend wird immer kälter und wir heizen den Ofen in der Jurte ein. Wie so oft ist diese Wärme respektive der Ofen schwierig zu dosieren, es gibt irgendwie fast nur brandheiss oder brennt nicht. Daher ist es zum Einschlafen immer fast zu heiss, aber ohne Feuer zu kalt weshalb wir oft die Türe offen lassen damit die unerträglich warme Luft entweichen kann. So schlafe ich immer sehr spät ein.

13.06.2017; Tag 9 – Schönster Zeltplatz ever

Die für heute geplante Tour ist nicht allzu lang und daher brauchen wir uns am Morgen auch nicht zu beeilen. Wir gönnen uns deshalb kurzfristig ein wohltuendes Bad im einem der neu aufgefüllten Schwefelbecken im Camp bei den heissen Quellen. Nur langsam steigen wir ins Becken und versuchen uns an die Temperatur zu gewöhnen, denn das Wasser ist wirklich sehr heiss und man hält es nicht länger als 10 Minuten aus. Wie gekochte Hummer steigen wir nach kurzer Zeit wieder aus dem Becken. Dennoch wärmt das heisse Wasser herrlich den Körper und die Knochen und entspannt die Muskulatur. So steigen wir fit auf unsere Bikes. Heute stehen ungefähr hundert Kilometer Offroad Piste an und die fangen mit einem gutem Aufwärmprogramm an. Enge steile Kehren voller Sand, Steine und Wurzeln verlangen unsere volle Konzentration. Wir lassen dem Fourgon einen guten Vorsprung weil in diesem Stück anhalten zu müssen ist nicht vorteilhaft. Der Fourgon neigt sich sehr bedenklich mal auf die eine und dann gleich wieder auf die andere Seite während er sich langsam durch den engen, ausgefressenen Weg den Wald hinauf kämpft. Sobald sich die Staubwolke welche er verursacht aufgelöst hat, fahren wir hinterher. Meine Offroadkünste haben sich schon deutlich verbessert und so fährt das Bike nun ab und zu mal tatsächlich dort wo ich es vorgesehen habe. Nicht nur Gas, Blick, Mut und Glück führen mich zum Ziel sondern auch das langsam umsetzbare spielen mit Kupplung und Gas welches mir Pascal immer wieder predigt. Die Sache macht richtig Spass. Die heutige Strecke ist aber auch wirklich sehr abwechslungsreich. Wir kraxeln diverse steile Pässe hoch und hinten genauso steil wieder runter, fahren durch diverse Flüsschen, queren auch mal ein Moor und fahren durch Wald. Blumenwiesen in schönster Blütenpracht in den Farben orange, blau und weiss. Oft erblicken wir auch riesige Felder in zartem Rosa der verblühten Küchenschellen, einer Pflanzenart. Vor zwei Wochen muss hier noch ein wunderbares blaues Blütenmeer gewesen sein. Schliesslich erreichen wir nach einer steilen Auffahrt unser heutiges Ziel… eine Wiese am Berghang, schön an einem Waldrand gelegen. Wie aus einem Adlerhorst sehen wir weit ins Land hinein. Eine Gruppe von Rotmilanen zeigt ihre Flugkünste im aufkommenden Wind. Der Kuckuck ruft hier scheinbar aus jedem Wald. Tausend Fliegen in allen Grössen fliegen uns nervig ins Gesicht und Ohren und Bremsen in noch nie gesehener Grösse attackieren unsere verschwitzten Glieder. Aber hey… das Smartphone zeigt 3G! Tigers Herz macht einen Freudensprung, sofort wird gepostet was das Netz hergibt. Und auch ich versende kurz mal eine Runde Grüsse und Bilder in alle Richtungen.

Wir schälen uns aus den Motorradklamotten und stellen unsere Zelte auf. Was nicht ganz einfach ist, denn der Wind reisst schon wieder wie verrückt an den Kunststoffplanen. Der Himmel verdunkelt sich und wieder einmal sieht es nach Regen aus. Verflixt, wieso eigentlich immer wenn wir im Zelt schlafen wollen? Jagaa tischt das Mittagessen auf und wie schon gehabt, mitten beim essen müssen wir schnell alles zusammenraffen und in den Fourgon werfen. Viel Regen gibt es zum Glück nicht. Perfekt, denn wir wollen ja noch zum Kloster Tuvkhun wandern. Ungefähr 4,5 Kilometer soll die durch den Wald führende Wegstrecke lang sein. Das kleine Kloster ist sehr versteckt gelegen und nur zu Fuss erreichbar, so wird es auch fast nur von Einheimischen besucht. Der Weg führt durch den Wald über einen schmalen Wurzelpfad. Der Wald ist voller Kiefern und Lärchen in sattem Grün und zwischendurch erscheint wieder eine Lichtung mit den den verschiedensten Blumen in den schönsten Farben. Das Kloster selber ist auf einem Felsen gebaut. Ein abenteuerlicher Kletterpfad führt durch die kleine Anlage. Es sind immer nur jeweils drei Mönche hier zur Meditation. Das Kloster ist nur sehr klein, aber wirklich wunderschön gelegen und der Ausblick in die Weite ist atemberaubend. Gegen neunzehn Uhr sind wir wieder zurück am Lagerplatz. Wir stellen die restlichen Zelte auf, machen Ordnung, helfen einander beim Kochen und sammeln Holz für ein wärmendes Feuer. Bei schönstem Abendrot und unglaublicher Farbstimmung am Himmel essen wir zu Abend. Ganz in der Nähe grast eine Pferdeherde mit vielen Fohlen, manche kaum älter als ein paar Tage. Duger muss nochmals mit dem Motorrad ausrücken und zwei Nomaden helfen ein Loch im Schlauch ihres Motorrades zu flicken. Ausserdem müssen wir mit Benzin aushelfen, schon vorher haben zwei Jungs um Benzin gebeten. Die Flickerei findet im Dunkeln bei Scheinwerferlicht statt. Wir wärmen uns unterdessen gemütlich am Lagerfeuer und schauen zu wie der Tag sich in allen Farben des Regenbogens verabschiedet und die Nacht hereinbricht. Als Duger endlich im Dunkel den Hügel hinauf fährt und unsere Crew wieder komplett ist verkriechen wir uns in die Zelte. Obwohl diesmal bald kuschelig warm, kann ich bis um drei Uhr nicht schlafen. Mein Schlafrhythmus will einfach nicht auf asiatisch umstellen. Ein kleiner nächtlicher Ausflug belohnt mich erneut mit einer tollen Aussicht auf die Hügelketten im Mondschein und den Blick auf den schönsten Sternenhimmel.

14.06.2017; Tag 10 – Fahrt zu den Wasserfällen

Kuckucksrufe und Sonnenschein wecken uns an diesem freundlichen Morgen. Pascal hat schon die ersten Bilder geschossen als die restliche Bande aus den Zelten kriecht. Jagga reicht schon bald starken, heiss dampfenden Kaffee herum. Köstlich… dazu die Wärme der Sonne, die frische Luft und das unglaubliche Panorama. Besser lässt es sich nicht in den Tag starten. Unser heutiges Ziel liegt wiederum nicht sehr weit entfernt und so dürfen wir es gemütlich angehen. Jagaa brät „flache“ Spiegeleier mit scharfer Sauce, reicht klein geschnittene Gurken und Tomaten sowie die obligate Wurst. Wir löffeln unser Müsli und streichen Marmeladebrote. Und das alles in der freien Natur bei bestem Wetter und perfekter Stimmung. Nach dem Frühstück packen wir alles zusammen und verlassen fast ein bisschen wehmütig unseren tollen Lagerplatz. Adieu schöne Natur, Adieu 3G. Schöne Natur finden wir jedoch bereits um die nächste Kurve. Neue Pässe oder zumindest Pässchen gilt es zu erklimmen. Von weitem ist ein Vulkanfelsenfeld zu sehen und dies ist gleichzeitig unser heutiger Ort für die Aufwärmgymnastik. Steinfelder zu durchfahren ist schon beinahe wie Trialfahren. Sandige Wege voller spitzer, scharfkantiger Vulkansteine in allen Grössen. Auch hier sind die Durchfahrtsmöglichkeiten begrenzt und die Wege mit hohen Dellen und tiefen Rillen gespickt. Oft passt haargenau die Reifenbreite des Bikes zwischen zwei scharfen Steinen hindurch und ich bin wieder einmal dankbar dass ich mittlerweile das Motorrad gezielt dorthin lenken kann wo ich es hinhaben will. Dem Fourgon gebe ich aber immer einen guten Vorsprung, denn anhalten kann hier schwierig sein weil ich möglicherweise den Fuss nicht rechtzeitig auf den Boden bekomme auf dieser unebenen Buckelpiste. Die Sonne brennt uns auf den Pelz und der Schweiss läuft den Rücken hinunter weil der kühlende Fahrtwind fehlt. Nach ca 45 Minuten ist dieser Bereich geschafft und wir können wieder schneller fahren. Die ausgetrocknete Piste fühlt sich fast wie eine Autobahn an, wir wollen aber nicht übermütig werden. Immer noch tauchen vereinzelt und unvermittelt grosse, spitze und spät erkennbare Vulkansteine inmitten der Spur auf. Etwas später überqueren wir eine grosse Holzbrücke deren Pfeiler eine unglaubliche Schieflage haben, so als müsste sie jeden Moment zusammen krachen. Jedes Fahrzeug welches die Brücke überquert lässt die ganze Holzkonstruktion bedenklich schwingen. Flussdurchfahrten werden mir direkt sympathisch.

Am Fluss selber labt sich eine grössere Pferdefamilie am kühlen Wasser und wieder können wir beobachten wie ganz kleine Fohlen auf staksigen Beinchen sich hinter ihren Müttern verstecken, aber trotzdem neugierig in unsere Richtung schauen. Die Pferde lassen uns recht nahe heran kommen. Überhaupt gibt es in diesem Gebiet sehr grosse Herden. Kaum haben wir die Eine hinter uns gelassen sehen wir schon die Nächste. Die Tiere legen sich auf die warmen sandigen Pisten und wir versuchen ins Gras auszuweichen. Die älteren Tiere ragieren eher gelangweilt, aber die Jüngeren stieben in alle Richtungen auseinander. Nicht gerade ungefährlich, denn abrupte Richtungswechsel sind nicht selten. Die Yaks schubsen ihre Kinder energisch voran und stellen sich uns auffordernd entgegen so dass man ihnen nicht zu nahe kommen möchte. Immer wieder geht uns durch den Kopf wie schön die Tiere es hier haben, wie zufrieden sie beieinander stehen und wie gesund sie aussehen mit ihren gänzenden Fellen. Gegen vierzehn Uhr haben wir unser heutiges Ziel erreicht. Wir beziehen unsere Jurte im nett gelegenen Camp und geniessen wieder mal eine heisse Dusche in einer blitzsauberen Duschanlage. Ich nutze die Gunst des guten Wetters und wasche unsere Protektorenhosen weil sie allmählich etwas müffeln und hänge sie zum Trocknen an die ebenso saubere Jurte. Jagaa kommt mit dem Mittagessen zu uns und beichtet dass er nur noch die Hälfte davon habe, denn die Fourgontüre sei vom Wind zugeschlagen worden und habe den Topf vom Gasherd geworfen. Die Hälfte der schönen Nudelsuppe liegt also im Gras. Essen wir eben ein bisschen mehr Brot, Chocho-Mocco und Keksi. Am Nachmittag wandern wir dann zum Orkhon Wasserfall. Durch die Eruption eines Vulkanes ist eine Schlucht entstanden durch welche nun ein Fluss fliesst. Hier hat sich ein grosses Steinbecken gebildet mit einer ca 10 Meter hohen Wand, darüber fliesst der Fluss und bildet so einen kleinen Wasserfall. Obwohl es seit unserer Ankunft immer wieder mal geregnet hat ist es hier sehr trocken und der Wasserfall präsentiert sich aktuell nur als dünnes Rinnsal. Trotzdem ist das Ganze wunderhübsch anzusehen. Wir können in einer fast kriminell anmutenden Kletterpartie sogar zum Fluss hinab steigen und dem Ufer entlang zu dem Steinbecken wandern. Dort stecken wir die Füsse ins Wasser, es ist angenehm kühl. Zurück geht es wieder über saftige Weiden wo wir die Tiere beobachten können wie sie zufrieden grasen und frei umher streifen. Der Himmel verdunkelt sich auch heute wieder und nach dem leckeren Abendessen donnert es in den Bergen. Pascal nutzt die Gelegenheit um in der Jurte wieder alle Geräte aufzuladen und ich schreibe an dem Bericht. Auf dem Bett sitzend kann ich zur Türe hinaus direkt die Yaks auf der Weide sehen und ab und zu springen fünf junge Hunde herum und tollen miteinander. In der Ferne grollt der Donner und wir haben es richtig gemütlich.

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9 Kommentare zu Abenteuer Mongolei… oder die Knochenfressertour

  1. Hallo Ihr Zwei,

    freu mich für Euch beide und auf das was Ihr zu berichten habt, gerne auch vor dem Marokko Film ;-).
    Fahrt aufmerksam, viel Spass bei Freunden kann man ja schon sagen.
    Liebe Grüße auch an Andrea
    Michael 🙂

    • Tiger on trail sagt:

      Hi Micha

      vielen Dank fürs reinschauen und die guten Wünsche. Wird sicher eine tolle Reise bei und mit unseren mongolischen Freunden. Und wie ich schon oben schrieb… der Weg ist das Ziel, das ist mein Motto speziell für diese Tour. Den Wink mit Marokko hab ich verstanden und werde mir entsprechend Mühe geben. 😉

      Liebe Grüsse
      Pascal und Andrea

  2. Maxmoto sagt:

    Tigertrail und Tigergirl in der Mongolei nach dem Motto:
    Zu Hause bei Freunden.
    Wir freuen uns mit Euch, nicht weil wir das auch täten machen wollen (dazu sind wir nicht mehr jung und frisch genug) sondern eben weil ihr es einfach rechtzeitig anpackt, eure Sehnsüchte stillt und gleichzeitig Erfahrungen sammelt, die irgendwann unter „Lebenserfahrungen“ abgespeichert werden.
    Und das sind dann schon ganz besondere, außergewöhnliche Lebenserfahrungen, denn auch mit aller Planung und einem perfekten Guide wird es Situationen geben, die haften bleiben und sich einprägen.
    Nein, nein, ich meine keine gefährlichen, sondern außergewöhliche.
    Das kann genuso ein Sonnenauf- oder -untergang sein wie ein Steppenwind, Begegnungen mit Menschen und sicher auch mit hierzulande nicht alltäglichen Tieren.
    Einfach „WHOWS“ .
    Wir freuen uns jedenfalls für euch, sind auf Berichte, Bilder, Filme gespannt und… vielleicht treibt es euch in den Wintermonaten mal nach München und ihr erzählt bei „Spaghetti Vongole“ ein paar Internas.
    ML

    • Tiger on trail sagt:

      Hallo Max, hallo Liane

      vielen lieben Dank für den netten Post, freut mich wenn ihr euch für und mit uns freut. 😉 Ich hab mir vor ein paar Jahren genau das zum Motto gemacht was du so treffend beschrieben hast… Dinge rechtzeitig anpacken und nicht hinaus schieben, Sehnsüchte stillen solange es noch möglich ist und gleichzeitig Erfahrungen sammeln die irgendwann unter „Lebenserfahrungen“ abgespeichert werden. Oder eben wie in meiner Signatur geschrieben steht: Hör nicht auf die Vernunft, wenn du einen Traum verwirklichen willst. Diesbezüglich seid ihr beide für viele ein grosses Vorbild und ich hoffe dass Andrea und ich uns mal ähnlich durch die Welt „bewegen“ können wie ihr beide es tut. Wir kommen sehr gerne mal auf das Angebot mit den „Spaghetti Vongole“ zurück und das muss von mir aus auch nicht erst im Winter sein… ausser ihr wärt natürlich wie so oft wieder mal auf Achse. 🙂

      Liebe Grüsse
      Pascal und Andrea

      • Max und Liane sagt:

        Hi Pascal, Servus Andrea,
        na so große Reisen machen wir (altersbedingt) nicht mehr.
        Uns reicht Europa. – Umso großartiger finden wir, dass ihr das einfach rechtzeitig anpackt, denn Europa läuft euch nicht weg.
        Spaghetti Vongole – ich seh noch Deine strahlenden Augen auf Fuerteventura. Ich glaube, in München finden wir einen ähnlich guten Italiener.
        Irgemdwann nach Eurer Mongolei Rückkehr finden wir sicher mal einen gemeinsamen Termin für Spaghetti Vongole in München.
        Jetzt genießt erstmal Eure 2017er Traumreise.
        Findet, jeder für sich, seine Grundgeschwindigkeit, die es erlaubt, bei der einen Situation ein wenig Gas zuzugeben und bei der anderen ein wenig Gas wegzunehmen.
        Aber wem sag ich das.
        In Gedanken mit Euch.
        ML

  3. Herbert sagt:

    Wir wünschen euch eine unfallfreie super tolle Reise !!!

    Gruß
    Herbert und Tanja

    • Tiger on trail sagt:

      Hallo ihr Beiden

      Eure netten Wünsche haben geholfen, danke dafür. Wir hatten wirklich eine unfallfreie und super tolle Reise welche uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.

      Grüsse
      Pascal und Andrea

  4. Zeller Jean-Paul sagt:

    Tschau zäme
    Freude herrscht! Freude herrscht bei mir immer, wenn man oder frau sich einen Traum erfüllen. Nun, den Bildern nach (merci Andrea) ist es ein Traum, mit dem Töff durch solche schöne Gegend zu fahren.
    Weiter so! Häbet immer Sorg!
    Liebi Grüess
    JP

    • Tiger on trail sagt:

      Hallo Jean-Paul

      Besten Dank für deinen Besuch und den netten Eintrag auf meiner Seite. Wie du ja sicher mittlerweile mitbekommen hast hatten wir eine tolle Zeit in der Mongolei.

      Grüsse
      Pascal und Andrea

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