Bremsen-Service

Samstag, 14. März 2015;

Jeweils im Frühjahr vor der ersten Ausfahrt oder im Rahmen einer regulären Inspektion (Service) schaue ich mir die Bremsen etwas genauer an. Anschauen bedeutet für mich nicht einfach die Verschleissmarkierungen der Bremsklötze zu kontrollieren sondern die Bremsanlage generell einer detaillierten Kontrolle zu unterziehen. Dazu demontiere ich die zwei vorderen sowie den hinteren Bremssattel einzeln und nacheinander nahezu komplett. So kann ich die Bremsanlage richtig reinigen, warten und allfälligen Verschleiss oder Defekte frühzeitig erkennen. Da ich die ganze Prozedur mittlerweile schon ein paar Mal an unseren beiden Tigern durchgeführt habe geht das relativ zügig vonstatten.

Bremsenservice Werkzeug
Werkzeug und Material für Bremsenservice

Für die Arbeiten an der Bremsanlage stelle ich die XC auf einen Montageständer. Hauptständer geht natürlich auch, sind aber an unseren beiden Tigern gewollt nicht vorhanden. Für die Demontage und Montage des vorderen Bremssattels sind folgende Werkzeuge vonnöten:

– Schraubendreher Grösse Nr. 4
– Inbusschlüssel oder -nuss 5mm
– Gabel- oder besser Steckschlüssel 12mm
– Ratsche mit einer kurzen Verlängerung
– Drehmomentschlüssel bis 30Nm

Für die Wartung selbst benutze ich folgendes Werkzeug und Material, wobei einiges optional und nicht unbedingt vonnöten ist (von oben links nach rechts):

– Bremsenreiniger in der Dose (gibt’s z.Bsp. bei Polo)
– Bremskolbenzange um die Kolben zu drehen
– kleine Schraubzwinge um die Kolben sanft und gleichmässig zurück zu drücken
– Kupferpaste
– weiche Kunststoff- oder Zahnbürste
– Kupfer- oder Drahtbürste
– Schmierfett
– Putzlappen, alte T-Shirts 🙂

Um entspannt an der Bremsanlage zu arbeiten setze ich mich auf einen kleinen Stuhl. Den demontierten Bremssattel lege ich auf einer kleinen Kiste ab. So stehen die Bremsleitungen nicht unter Zug und es lässt sich entspannt am Bremssattel arbeiten.

Bremssattel zerlegt
Abgeschraubter und zerlegter Bremssattel

Bevor der Bremssattel abgeschraubt wird entfernt man am besten erst den Abdeckstopfen vom Bremsklotz-Haltestift (kleine Schlitzschraube). Dazu benötigt man den Schraubendreher. Den Abdeckstopfen gut auf die Seite legen damit man ihn nicht verliert. Danach löst man mit dem 5mm Inbusschlüssel oder -nuss den Bremsklotz-Haltestift. Man kann den Haltestift vor der Demontage des Bremssattels ganz herausdrehen und entfernen, sollte aber daran denken dass dann die Bremsklötze herausfallen! Vor der Demontage des Sattels sollte man die Brems- und ABS-Leitung aus der Führung des Kotflügels drücken. Dann entfernt man mit der Ratsche und aufgesetztem 12mm Steckschlüssel die beiden Schrauben durch welche der Bremssattel an der Gabel befestigt wird. Danach kann man die Bremsanlage vorsichtig nach hinten von der Bremsscheibe herunter ziehen.

Bremssattel Teile
Gereinigter Bremssattel und Teile (Bremsklötze mit aufgesetzten gelochten Hitzeschutzblechen, eingesetzte Anti-Rasselfeder, Bremsklotz-Haltestift

Falls nicht schon vorher geschehen kann man den Bremsklotz-Haltestift jetzt ganz herausdrehen und entfernen. Danach können die Bremsklötze herausgenommen werden, resp fallen von selbst raus. Nun kann, falls nötig und gewünscht, auch die Bremssattelhalterung abgenommen werden. Ich entferne die immer da ich so die Gummihüllen kontrollieren und reinigen sowie die Gleitbolzen neu schmieren kann. Ausserdem lässt sich der Bremssattel nur so richtig reinigen und kontrollieren.

Bremssattelhalterung
Bremssattelhalterung

Zur Reinigung des Sattels drückt man beide Bremskolben soweit wie möglich heraus. Dazu betätigt man einfach ein paar Mal den entsprechenden Bremshebel. Dabei aufpassen dass die Kolben nicht ganz heraus gedrückt werden. In der Regel bewegt sich nur ein Kolben. Wenn der eine Kolben weit genug aus dem Sattel ist hält man einfach mit einem Finger oder dem Daumen dagegen und betätigt wieder den Bremshebel, so dass der zweite Kolben auch soweit wie möglich rausschaut. Nun kann man die beiden Kolben mit Bremsenreiniger einsprühen und vorsichtig abwischen. Zum Reinigen keinesfalls eine Drahtbürste benutzen, ich putze die Kolben nur mit einem Tuch. Wenn die Kolben auf einer Seite sauber sind kann man mit der Bremskolbenzange in das Innere der Kolben greifen und diese vorsichtig drehen. So kann man den ganzen Kolben sauber reinigen.

Gereinigte Bremskolben
Saubere Bremskolben

Nach der Reinigung der Kolben kann man diese vorsichtig zurück in den Sattel drücken. Dabei sollte man darauf achten dass sie sich nicht verkanten. Ich nehme dazu eine kleine Schaubzwinge mit einem Plastikaufsatz um den Kolben nicht zu beschädigen. So lässt sich dieser gerade und mit gleichmässigem Druck zurück schieben. Dabei sollte man darauf achten dass der andere Kolben fixiert wird damit er beim reindrücken des einen Kolbens nicht weiter herausgedrückt wird. Dazu kann man entweder mit der Hand dagegen halten oder man klemmt ein kleines Holzstück zwischen Sattel und Kolben. Die Kolben kann man bis zum Anschlag reindrücken so dass man anschliessen das Sattelinnere richtig reinigen kann.

Bremssattel gesäubert
Gereinigter Bremssattel

Das Innere des Bremssattels reinige ich je nach Verschmutzung entweder erst mit einer weichen Kupferbürste oder spraye es direkt und grosszügig mit Bremsenreiniger ein den ich dann mit einer Kunststoff- oder Zahnbürste verteile. Danach kann man den aufgeweichten Dreck mit einem Tuch entfernen. Dies wiederholt man solange bis das Innere des Sattels sauber ist. Nun sollte man noch Bremsklotz-Haltestift sowie die Anti-Rasselfeder reinigen und begutachten. Das Reinigen geht am besten mit der Drahtbürste. Falls die Teile zu sehr verschlissen sind sollte man sie ersetzen, vor allem den Haltestift. Nun reinigt man mit der Drahtbürste noch die Bremsklötze oder ersetzt sie gleich durch Neue falls sie verschlissen sein sollten. Dies erkennt man gut an den vorhandenen Vertiefungen welche den Verschleiss anzeigen.

Bremssattel fertig montiert
Zusammengesetzter Bremssattel

Wenn alles gereinigt ist kann man sich ans Zusammensetzen machen. Dazu schmiert man die beiden Gleitbolzen am Bremssattel und an der Bremssattelhalterung mit ein bisschen Fett ein und fügt die beiden Teile vorsichtig zusammen. Aufpassen dass dabei die Gummihüllen nicht beschädigt werden. Falls nicht schon geschehen oder falls neue Bremsklötze verwendet werden sollte man noch die gelochten Hitzeschutzbleche an den Bremsklötzen anbringen. Ich schmiere die Hitzeschutzbleche dort wo sie die Kolben und den Sattel berühren immer mit ganz wenig Kupferpaste ein. Das verhindert das Festkleben sowie sonst allenfalls auftretendes Bremsquietschen. Das einstreichen mit Kupferpaste ist aber nicht wirklich nötig und manchmal wird sogar davon abgeraten. Ich habe bis jetzt noch nie schlechte Erfahrungen damit gemacht. Der Bremsklotz-Haltestift sollte auf jeden Fall mit einer dünnen Schicht Kupferpaste oder Hochtemperatur-Fett auf Kupferbasis eingeschmiert werden. Nun kann man die Bremsklötze mit der richtigen Seite in den Sattel legen und mit dem Haltestift fixieren. Den Haltestift kann man ruhig schon ganz reindrehen und sanft anziehen.

Nun kann der zusammengesetzte Bremssattel wieder vorsichtig über die Brems-Scheibe gezogen und mit den beiden Schrauben an der Gabel befestigt werden. Danach können die Brems- und allenfalls ABS-Leitungen wieder in die Führung des Kotflügels gedrückt werden. Jetzt sollten die Schrauben noch mit dem erforderlichen Drehmoment angezogen werden. Die beiden Bremssattelbefestigungsschrauben (12mm Nuss) mit 28Nm, der Bremsklotz-Haltestift (5mm Inbus) mit 18Nm und der Abdeckstopfen mit 3Nm. Wobei ich den einfach leicht von Hand mit dem Schraubendreher reindrehe. Vor dem Eindrehen bestreiche ich die Rückseite des Stopfens mit ein bisschen Kupferpaste. Dies verhindert das festkleben der Schraube am Haltestift. Damit wäre die Reinigung und Wartung des Bremssattels abgeschlossen. So kann man mit allen drei Bremsen verfahren, wobei man für die hintere Bremse zusätzlich zur 12mm eine 14mm Nuss benötigt.

Den Austausch der Bremsflüssigkeit werde ich ein anderes Mal, respektive wenn es bei einem der beiden Tiger vonnöten ist, beschreiben.

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8 Kommentare zu Bremsen-Service

  1. Wolf sagt:

    Chapeau Pascal, wie immer ausführlich und anschaulich beschrieben – die perfekte Anleitung zum Nach- bzw. Selbermachen. Ich werde aber glaub ich doch eher lieber mal mit jeder Menge österreichischer Mehlspeisenspezialitäten im Seitenkoffer bei dir und Andrea vorbeischauen… 😉

    So long,

    da Wolf

    • Tiger on trail sagt:

      Hi Wolf

      Danke für das nette Kompliment, aber wie heisst es doch so schön… Übung macht den Meister. Wobei ich niemals soweit gehen würde mich als Meister zu bezeichnen, nicht mal ansatzweise. Aber es macht mir einfach Spass, und zwar je länger je mehr. Mehlspeisen und Wölfe sind bei uns genau so wie Tiger jederzeit gern gesehene Gäste. 😉

      Danke fürs reinschauen,
      Pascal

  2. Bernd - qtreiber sagt:

    Moin Pascal,

    heute erst diesen Beitrag entdeckt (FB). Sehr ausführlich und detailliert beschrieben.
    Saubere Arbeit … wie nicht anders von dir zu erwarten. Habe mir einiges abgekuckt. 😉

    Gruß aus der schönsten Stadt Ostfrieslands!
    Bernd.

    • Tiger on trail sagt:

      Moin Bernd

      Vielen Dank für deinen Besuch und den netten Kommentar. Freut mich sehr wenn du mit meiner Beschreibung etwas anfangen kannst… mit ein Grund warum ich solche Sachen gerne online stelle. Die Arbeiten an den Bremsen sind wie ein Blick in die Wundertüte, man weiss nie was einen erwartet. Und je älter das Moped wird, desto mehr Überraschungen. 😉

      Grüsse aus der Schweiz
      Pascal

  3. Richard Saller sagt:

    Großartig beschrieben & fotografiert!
    Du wolltest die Lebensdauer wissen:
    hinten auf MCB598SV gewechselt bei 21.849 km.
    Eine Seite war am Indikatorlimit, weil schief abgenützt.

    Liebe Grüße aus dem niederösterreichischen Tullnerfeld.

    Richard

    • Tiger on trail sagt:

      Hallo Richard

      Vielen Dank für deinen Besuch und das nette Feedback. Ja, ich denke 22tkm sind ein guter Wert. Vorne wechsle ich deutlich öfter und so gut wie bei jeder Inspektion, auch wenn die Beläge noch für ein paar Kilometer gut wären. Aber ich bremse vorne auch deutlich mehr und stärker als hinten, ausser wenn es stark bergab geht.

      Grüsse nach Niederösterreich
      Pascal

  4. Richard sagt:

    Hallo Pascal

    Vorweg, ich freue mich jedesmal über deine interessanten, konstruktiven & klaren Beiträge bei bikeontour/Wolf, Tigerhome, …
    Meine Erfahrung mit den Sintermetallbremsbelägen Lucas/TRW/MCB585SH hinten nach 7.000km:
    Sie bremsen ähnlich den Originalen.
    ABER, die Scheibe hinten hat jetzt wesentlich tiefere Riefen als vorne! (Nagelprobe)
    Dass härtere Beläge die Scheibe stärker verschleissen war ja klar. Ich bin jedoch davon ausgegangen, dass sich die Scheibe mehr abnützt, ohne tiefere Riefen.
    Beim Betrachten der Beläge kann man allerdings schon erkennen, dass sie grobporiger sind.
    Bei einem Benzingespräch auf der legendären Dopplerhütte konnte ich erfahren, dass durch Verwendung von Stahlflexleitungen wesentlich bessere Bremsleistungen erzielt werden. Ein guter Freund hat auf seiner GS1100 nach Bremsschlauchriss umgerüstet – kein Vergleich, was vor allem die Handkraft angeht.
    (Der Ordnung halber: Ob das für Offroad gescheit ist, weiss ich nicht &
    In Ösistan müssen diese in die Fahrzeugpapiere eingetragen werden!)
    Würde mich interessieren, wie deine Erfahrungen sind?

    Liebe Grüße aus dem niederösterreichischen Tullnerfeld.

    Richard

    ps: zu meinem vorigen Beitrag:
    Meinen stärkeren Verschleiss hinten führe ich darauf zurück, dass ich viel zu zweit mit Gepäck unterwegs bin & gerne hinten in die Kurve hinein bremse.
    MCB598SV sind die Sinter für vorne, hast du sicher bemerkt,
    aber bist halt ein Gentleman, gö 😉

    • Tiger on trail sagt:

      Hallo Richard

      Vielen Dank fürs reinschauen und den umfangreichen und konstruktiven Post. Ich mach mir da jeweils nicht gross Gedanken, ausser wenn es um die Ergonomie geht welche mir sehr wichtig ist… gerade wegen unseren längeren Reisen. Ansonsten bremst die XC so wie ich es von einem Motorrad in dieser Kategorie erwarte. Da ich eh nie am Limit fahre ist für mich die Bremsleistung mehr als ausreichend, aber zu zweit und mit Gepäck sieht das Ganze mit Sicherheit etwas anders aus. Mittlerweile sind die vorderen Bremsscheiben am Ende (80tkm) und werden von mir irgendwann diesen Winter ausgetauscht. Auch das Wilbers Federbein bedarf mal einer Wartung resp Überholung. Es gibt also einiges zu tun in den Wintermonaten. 😉

      Grüsse aus der Schweiz
      Pascal

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